Unvergesslicher Italienurlaub

Italienurlaub oder Buch beenden?

Tief atme ich die frische Meeresbrise ein und schmecke das Salz der Morgenluft hinten in meinem Rachen. Es ist noch sehr früh. In meinem Rücken ist die Sonne aufgegangen und streckt ihre zarten Strahlen vorsichtig in das weite Himmelblau über mir. Der große Steinfußboden ist noch kalt, unter meinen Füßen spüre ich die kleinen unebenen Steinchen. Im Garten, neben der Terrasse, steht ein wunderbarer Pfirsichbaum, die Zitronen dagegen werden wohl erst reif sein, wenn ich schon lange daheim in Deutschland bin. 

Blick auf die Marina

Drinnen fängt das Telefon an zu klingeln. Das kann nur der Verlag sein, der wissen will, wie weit ich mit meinem Buchprojekt bin. Ich werfe einen letzten, bedauernden Blick auf die Morgenstimmung und gehe in die Wohnung zurück. Der altmodische Telefonapparat klingelt ungeduldig und in meinen Ohren immer lauter. Ich schnappe mir ein absurd großes Plüschkissen und dämpfe damit den vorwurfsvollen Anruf. 

Kaffee oder Espresso?

Dann fülle ich mir in der kleinen, eingebauten Küchenzeile aus den Achtzigern meinen Kaffeebecher auf. Mit gutem Filterkaffee, nicht mit heißem Espresso wie er hier überall getrunken wird. 

Hier heißt er „caffé“, und nicht Espresso, das hat mir der charmante Barista am zweiten Tag meines Aufenthalts erklärt. Allerdings komme ich nicht zum Schreiben, wenn ich den Tag mit einen starken Espresso und einem zuckrig-luftigen Hörnchen beginne. 

Danach lasse ich mich von den verwinkelten Kopfsteinpflaster-Gassen verführen und schlendere durch das kleine Städtchen. Ich beneide die älteren Männer, die es sich verdient haben im Park Boccia oder Schach zu spielen. Und die italienischen Nonnas, die beim Wäsche aufhängen, Tomatensauce einkochen und Fenster putzen gleichzeitig das Treiben auf der Straße im Blick und damit auch unter Kontrolle haben.  

Nach dem sehr leichten Frühstück bekomme nach kurzer Zeit wieder Hunger. Zum Glück stellen die Trattorien schon um halb zwölf Stühle und Tische raus oder öffnen bei Regenwetter wenigstens die Tür, damit der Geruch nach Olivenöl und Knoblauch den hungrigen Mägen den Weg weist. 

Ich erfülle ganz das Klischee der deutschen Touristin und beginne mein Mittagessen mit einem Aperitivo, einem Martini bianco oder einem Aperol Sprizz. Brot und Olivenöl ignoriere ich und hebe mir dieses Vergnügen für die grauen Wintertage in Husum auf.  

Als Hauptgang legt der dampfende Teller Cacio e Pepe einen beeindruckenden Auftritt hin.

Kohlenhydrate, Käse und Pfeffer, die Heilige Dreifaltigkeit. 

Gekrönt wird das ganzen von einem hausgemachten Tiramisu. Die Reste des staubigen Kakaos spüle ich mit einem Café und einem Limoncello runter. 

Danach erkunde ich die Stadt, stöbere in Antiquariaten und in sehr kleinen Galerien. Manchmal finde ich echte Schätze, oft aber doch nur Kitsch für die Touristen. Den langen Spaziergang beende ich mit dem Rundgang auf den Mauern der ehemaligen Burg. Die Parkanlage blickt auf das Meer. Im Schatten der großen Platanen lasse ich den Nachmittag ausklingen und kehre in den frühen Abendstunden in die Wohnung zurück.  

Dann ist es meist schon zu spät, um noch wirklich produktiv zu sein. Ich beantworte die drängenden E-Mails meiner Lektorin, die WhatApp-Nachrichten von Freunden und Familie und dusche in dem kleinen Bad im ersten Stock, dass auch schon bessere Tage gesehen hat. Aber die Wohnung kostet nicht viel und sauber ist sie auch. 

Italienurlaub.

„Passo da te fra 15 minuti“ erscheint eine Nachricht auf meinen Smartphone. Sara, meine liebe Freundin, holt mich heute Abend mit der Vespa ab. Sie war in die letzten Tage in Florenz, um ein paar alte Bücher zu studieren. Momentan schreibt sie ihre Dissertation über die Medici, hat aber mehr Zeit als ich mit meinem BuchWir haben uns durch gemeinsame Freunde in Hamburg kennengelernt. Sara hat mir auch diese Wohnung vermittelt. Die gehört dem Cousin einer Freundin, deren Großmutter…. Irgendwie so in der Art. Die Besitz und Nutzungsverhältnisse können hier sehr verwirrend sein.  

Auf jeden Fall sollte ich mich beeilen, wenn ich nicht Bademantel ausgehen will. 

Ich stehe grübelnd zwischen meinem Badezimmerschrank und dem Wäschehaufen, der eine enthält deutlich mehr Teile als der andere. Seufzend ziehe ich eine Blue Jeans aus dem Stapel und ziehe eine leichte, weiße Bluse an, da klingelt es auch schon. „Sali pure!“ rufe ich aus dem Schlafzimmerfenster und winke Sara zu.  

Ich drehe meine Haare zum Dutt zusammen und gehe meiner Freundin entgegen. „Ciao Gioia!“ Wangenkuss. „Wie war es in Florenz? Möchtest du ein Wasser oder ein Wein“.  

„Ein Wasser, gerne.“ Sara nickt zu meinem Laptop, der seit einigen Tagen unberührt auf dem Sofatisch einstaubt. „Wie kommst du mit deinem Buch voran?“ „Oh,“ ich gehe in die Küche und zucke die Schultern „das könnte besser laufen.“  

„Gioia, du musst bald zurückfahren und die versprochenen Kapitel abgeben.“  

„Ich weiß“ ich halte Sara das Glas Wasser hin und kann ihr dabei nicht in die Augen schauen. „Ich werde schon noch schreiben. Spätestens auf der Rückfahrt, der Zug braucht allein bis Zürich sieben Stunden.“  

Sara verdreht die Augen, lacht aber herzlich und nimmt mich in den Arm „In Ordnung. Du weißt, ich bin dein größter Fan! Aber lass und los. Wollen wir bei Gino noch ein Stück Pizza essen, bevor wir auf die Piazza gehen?“  

„Gerne!“ ich schnappe meine Tasche, meine Lederjacke und die Schlüssel und schließe hinter mir die dunkelgrüne Haustür.  

Und so verbrachte ich die meisten Tage meines Aufenthalts in der wunderbaren Toskana. Ein leichte Frühstück, Spaziergänge durch die Stadt, ein Mittagessen, Schlendern im Park oder in den Galerien. Ein Tagesausflug in das Umland oder nach Florenz oder Siena. Ein Wochenende auf Elba mit Antonio. Italienurlaub eben.

Hmmm…Ich lasse mich definitiv ablenken. Deshalb sitze ich hier mit meine Filterkaffee und habe noch 52 Stunden bis zu meiner Rückfahrt nach Deutschland. Und ich muss noch zwei Kapitel für mein neues Buch schreiben.  

Seufzend hole ich einen neuen Kaffee, klappe den Laptop hoch und beginne endlich an zu schreiben.  

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